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Jan’s November Kolumne: Von pedantischen Klugscheißern
Von Dennis in Medientrends | keine Kommentare
Jan hat seine Finger wieder über die Tastatur kreisen lassen und beschert uns einen Blick in die Welt von Klugscheißern, Dummschwätzern und Nerds. Was das ganze dann noch mit der Schweinegrippe zu tun hat, das erfahrt ihr nach dem Klick.
Von pedantischen Klugscheißern
Ich (toller Anfang) habe bisher schon ziemlich viel Glück gehabt. Ich bin gesund, habe ein ausgeglichenes soziales Umfeld und gehöre, wenn ich dem Fernsehen glauben schenken darf, zur akademischen Oberschicht mit einem krisensicheren Arbeitsplatz. Ich könnte also behaupten: Es geht mir gut. Ich sollte dafür dankbar sein. Doch zuweilen kommt es vor, dass ich anfange, das alles zu sabotieren.
Manchmal ist da eine Stimme in meinem Kopf die mich zwingt, bei jeder Konversation mein Wissen, inklusive meines Halb- und Viertelwissens, preis zugeben. Natürlich ungeachtet dessen, ob es jemanden interessiert oder nicht. Sprich Klugscheißen. Besonders betroffen davon ist natürlich mein soziales Umfeld.
Zum Glück schaffe ich es meinem Klugscheißer-Drang, zumindest zeitweise, zu unterdrücken. Aber das ist nicht leicht. Ist es doch ähnlich einem trockenen Alkoholiker, der überall Verlockungen widerstehen muss:
Sitze ich mit meiner Freundin am Strand und betrachte den Sonnenuntergang, weiß ich, dass durch die Erdkrümmung die Sichtweite in Augenhöhe ungefähr nur fünf Kilometer beträgt.
Kommt morgens meine Zeitung, weiß ich, dass wohl 80 Prozent der Zeitung aus Altpapier bestehen.
Sitze ich mit Freunden im Kino, so muss ich ihnen mitteilen, dass der LKW mit den durchgeschnittenen Bremsleitungen gar nicht schneller werden dürfte, da Bremsen von LKWs durch den Druck in den Bremsleitungen auseinander gehalten werden. Wenn dieser verloren geht, kommt es zu einer Vollbremsung.
Dabei bin ich keiner von der Sorte Menschen, die behaupten „Herr der Ringe“ sei unrealistisch. Zum Beispiel weil kein Berg so hoch ist, dass Gandalf so lange während des Fallens mit dem Balrog kämpften könnte. Solche Leute kann ich echt leiden. Die finden es dann aber auch TOTAL romantisch, wenn jemand seiner Freundin bei Kai Pflaume einen Heiratsantrag macht. Aber das nur am Rande.
Klugscheißen ist einfacher denn je geworden. Besonders in Zeiten von „Gallileo“ (ich meine die Sendung) und Konsorten, weiß doch heutzutage jeder wie man ein T-Shirt in einer Sekunde zusammenlegt, was das perfekte Fischstäbchen ausmacht oder wo unser Klopapier herkommt und wo es hingeht. Es bedarf also eines besonders klugen Klugscheißens sich davon abzusetzen.
Das geht, indem man sich ein Spezialwissen aneignet. Zum Beispiel warum das Raumschiff Enterprise nur mit maximal Warp 9,9999 fliegen kann. Und zwar mit all seinen technischen Einzelheiten. Oder dass die Band „Iron Maiden“ bisher genau vierundzwanzig Songs veröffentlicht haben, die auf historische Begebenheiten zurückgreifen. Und mit etwas Glück wird man plötzlich nicht mehr als Klugscheißer wahrgenommen, sondern als „Nerd“.
Und wie wir wissen werden „Nerds“ bestenfalls belächelt und vielleicht ein sogar wenig bewundert. Aber keinesfalls schwingt bei einem „Nerd“ die negative Schwingung eines Klugscheißers mit. „Nerds“ sind schließlich kleine, putzige Mitt- bis Endzwanziger, die noch bei ihren Eltern (bestenfalls im Keller) leben und von jedem Computer der Welt in jedes System eindringen können. Und zwar vom Pentagon bis zum Kaffeeautomaten. Dabei ernähren sie sich ausschließlich von Fast Food, Cola und Pornobildchen aus dem Internet.
Wir erkennen hier also, dass „Nerds“ in ihrer besonderen Form als Klugscheißer, bis auf das Wohnen im elterlichen Keller auch nur ganz normale Menschen sind.
Eine andere Gattung ist der gemeine Dummschwätzer. Ganz wichtig ist hierbei, den Klugscheißer nicht mit dem Dummschwätzer zu verwechseln. Der Dummschwätzer präsentiert Meinungen. Und zwar Meinungen, die er in der Regel exklusiv hat. Der Klugscheißer wirft mit nachprüfbaren Fakten um sich. Das ist wichtig, um nicht wegen einer wohl möglich einmaligen unbedachten Äußerung den erkämpften Status aberkannt zu bekommen.
Übertroffen wird das, nennen wir es mal „gehobene Klugscheißen“, nur noch vom „pedantischen Klugscheißen“: „Warum steht auf meiner Jeans `100% Baumwolle“, wo doch ein jeder ganz genau weiß, dass die Reißverschlüsse und Knöpfe nicht aus Baumwolle sind? Das wäre so ein typischer Satz.
Oder im Bierzelt warten, bis auch der allerletzte Rest Schaum von der Maß eingesunken ist, um zu überprüfen, ob der Krug auch bis zum Eichstrich voll ist.
Aber ich bin manchmal auch nicht anders. Wenn ich mir im McDonalds so eine Karikatur von einem Hamburger bestelle, kann ich es mir nicht verkneifen erstmal den Burger mit der Photographie auf der Karte zu vergleichen um festzustellen, dass das Fleisch gut einen halben Zentimeter dünner ist als auf dem Bild.
Aber das schlimme daran ist: Ich weiß das Ergebnis doch schon vorher, nur um mich nachher darüber aufzuregen.
Apropos aufregen und Klugscheißen. Aus aktuellem Anlass gibt es diesmal was zum Thema Schweinegrippe.
Fangen wir doch mit dem Ursprung allen Übels an. Dem Händeschütteln. Was für eine Unart. Da haben uns die Asiaten mit ihrer Verbeugung echt was voraus. Händeschütteln, muss man sich vorstellen, als ob der eine sagt:“Schau! Meine Erkältung, meine Grippe, mein Durchfall.“ Der andere erwidert daraufhin:“’Hier! MEINE Erkältung, Meine Hepatitis, Mein Pilz.“
Und überhaupt, alles wird angefasst. Ich war neulich beim Metzger, um mir mein mittägliches Leberkäswecken zu holen. Und nichts Ungewöhnliches, vor mir waren zwei Herren (essen Frauen eigentlich Leberkäswecken?), die ebenfalls ein „LKW“ wollten. Um die Zeit war die Theke mit drei Frauen gut besetzt. Jetzt wurden wir drei Herren (ich hatte einen Anzug an, deswegen darf ich mich auch „Herr“ nennen) von der selben Dame bedient. Und die nahm den Leberkäse in die Hand, um ein Stück runter zu schneiden. Dann kurz die Hände an der Schürze abgewischt und das Geld entgegengenommen. Bis hierher schon mal nicht schlecht die Geschichte, wie ich finde. Von wegen Hände waschen und so.
Aber ein kleines Detail macht es noch besser. Einer der Herren war nämlich seines Aussehens nach Maler. Der hatte sein Geld nicht in einem Geldbeutel, der wahrscheinlich ohnehin bei der Arbeit stören würde. Nein, der hatte einen zerknitterten 5-Euro-Schein in der Po-Tasche, den er dort herausfischte. Und auch hier nahm die Thekendame das Geld an, nahm dann den Leberkäse in die Hand, um mir ein Stück herunter zu schneiden. Ich könnte schwören, mein LKW hat nach Bohnen geschmeckt.
Vom Bohnen-LKW mal abgesehen, würde ich jetzt am liebsten in die Metzgerei gehen, um dort einmal die Grippe vom Schwein zu bestellen und es dürfte gern auch ein bisschen mehr sein.
Und dann das mit dem Impfen. Bei den Grippewellen in den vergangenen zehn Jahren kamen allein in Deutschland jedes einzelne Jahr zwischen 10.000 und 30.000(!) Menschen um. Interessiert aber nicht wirklich jemanden. Dabei müsste man sich nur impfen lassen. Kostet nicht mal Praxisgebühr.
Spielen wir doch mal mit den Zahlen. Die Chancen an Grippe zu sterben liegt bei 82 Millionen Deutschen durch 30.000 Tote. Also 1 zu 2733. Nun gut. Wieso sollte es aber ausgerechnet mich treffen?
Zum Vergleich: Ist der Lotto-Jackpot mal wieder prall gefüllt steht die Chance ca. 1 zu 140 Millionen (in Zahlen: 140.000.000). Aber spielen tu ich trotzdem. Schließlich könnte es mich treffen.
Die Menschen haben Angst vor der Schweinegrippe, die bislang weltweit immerhin ca. 1200 Todesopfer forderte. Vor der sagen wir mal „normalen“ Grippe fürchtet sich hingegen kaum jemand.
Fassen wir also nochmal zusammen: Ich kann zum nächsten Arzt gehen, mich impfen lassen, weil ich keiner von dreissigtausend Toten sein will, aber kaum einer macht es. Nun, wo der Impfstoff für die Schweinegrippe endlich entwickelt worden ist, würden die Bestände wahrscheinlich zeitweise knapp werden, weil jeder der erste sein will.
Aber dem ist gar nicht so.
Seit einigen Tagen kann man sich impfen lassen, aber der Andrang ist, sagen wir mal, mäßig. Um genau zu sein; es interessiert keine Sau!
Woran das liegt? Das liegt daran, dass beispielsweise bestimmte Politiker einen veränderten Impfstoff erhalten, der besser verträglich sein soll. Und jetzt will jeder entweder den besseren Impfstoff haben oder gar keinen.
Das ist wie, wenn ich einem Mann einhundert Euro schenke und seinem Nachbarn zweihundert Euro. Der Mann wird sich tierisch aufregen, weil er weniger Geld bekommen hat, anstatt sich über das Geld zu freuen. Ja, ja, der liebe Neid. Aber das hätten sich die betreffenden Politiker auch denken können.
Klar, das sind (vermutlich) auch nur Menschen. Und von der Seite betrachtet sind einige Entscheidungen auch gleich viel leichter zu verstehen. Wenn ich selber Raucher bin, stimme ich natürlich für eine Abmilderung des Rauchverbots in Kneipen. PKW-Maut? Logisch! Wenn ich es selber nicht zahlen müsste und dann endlich mal die Straßen frei wären, bin ich doch dafür. Und wenn ich Angst vor Nebenwirkungen habe, stimme ich doch für einen ganz elitären Impfschutz.
Ob ich aber nach dieser Erkenntnis noch den besonderen Impfstoff für Politiker haben will sei einmal dahingestellt, wenn ich da nur an die Koksspuren auf den Toiletten des Bundestages denke!
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