Apr
13

Katerfrühstück: From the Gutter to the Stage. Oder: Von Kabelkanälen und der neuen Freiheit einer schwedischen Möbelmarke

Von Dennis in Medientrends | keine Kommentare

Endlich. Das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels. Der nun mehrwöchig anhaltende “Umzugskonflikt” scheint entgültig ein Ende zu finden. Für jemanden wie mich, der nun seit gut 12 Jahren in einem dunklen kalten Keller gehaust hat, (ist, wenn man es im Detail betrachtet, wirklich so gewesen), ist dass schon mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen verbunden. Und das mit 30ig. Schämen tu ich mich dafür nicht, lieber später als nie und immerhin ging es nun einen Stock höher, vom UG ins EG. Wie in der Rockgeschichte, von der Gosse auf die Bühne. Nur nicht ganz so dramatisch.
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Und das auch nicht alleine, sondern noch in Zweisamkeit mit meiner Freundin. Zweisamkeit, eine Neuauflage in meinem bisherigen “Singlehaushalt”. Und schon fühlt man sich an terretoriale Grabenkriege zu Anfang des letzten Jahrhunderts erinnert. Aber eher auf der Ebene der Inneneinrichtung und Raumnutzung. Und soviel Kilometer Frontgraben wie im ersten Weltkrieg gegraben wurden, soviel Meter an Kabelkanälen durchwinden auch jetzt unser neues Domizil. Nun ja, moderne Unterhaltungs- und Kommunikationsapparturen haben nun mal ihren Preis und das heißt sehr, sehr viel Kabel ziehen. Und unsereins, der sieht das nicht so eng wenn ein paar Kabel am Rand durchblitzen.
Aber die “Gegenseite” sieht das nicht so. Ich glaube die TV-Einrichtungskönigin Tine Wittler hat hier ganze Propagandaarbeit geleistet. Die Spielsachen er Jungs, Elektronik aller Art, ja klar, aber ihre Organe bitte schön verstecken. Zugegeben, schöner sieht es aus, aber meine Knie haben beim rumrobben auf dem Boden auch leise Geflucht. Und auch meine neue Staublunge, benetzt mit dem Staub aus den gefühlten einhundert Löchern die ich in Betonwände gerammt habe, ist gerade nicht gut auf mich zu sprechen.
Zu diesen neuen Erfahrungen gesellen sich dann auch gleich weitere, es ist wie eine Kettenreaktion, ein Pulverfaß.
Moderne Massivhäuser der 90er Jahre sind wirklich nicht aus Pappe. Nägel halten gerade mal einfache Bilderrahmen. Aber alles andere, dafür muss der Dübel und die Schraube herhalten. Keine Kompromisse. Ich habe Kabelkanäle, die könnten die C-Schläuche der bei uns gegenüberliegenden Feuerwehr beherbergen.
Also wird gebohrt, Salve an Salve. Und ich rede hier von Schlagbohren. Massive Stakkatosalven an Schlägen die sich in Wand und Decke hämmern. Das geht durch das sprichwörtliche Mark des Hauses.
Und trotz dieses andauernden Konfliktes, sollten ja die unbeteiligten Parteien nicht darin verwickelt werden. Also kein Bohren an Sonn- und Feiertagen, oder Mittags, oder nach 22 Uhr. Aber da bin ich, ja sind wir, wie die gute alte U.S. und A. Wir schei**** drauf.
Aller Konventionen ignorierend, brach ich das heiligste im schwäbischen Land. An Ostern, am Todestag von Jesus, zur Mittagszeit, setzte ich den Bohrer ganze 50 mal an (ok, waren 12) und bohrte, schlagbohrte!
Wann sollte ich den sonst diesen Arbeiten machen, wenn die Arbeitszeiten sich immer bis spät abends hinauszögern? Und ein langes Wochenende wie an Ostern, schreit nach einem Überraschungsangriff.

Was hier die Konsequenz war? Der Kollateralschaden? Keiner. Ja wirklich, keiner. Keine Beschwerden, kein hämmern gegen die Wand, kein Besenstiel an die Decke. Nichts. Und die Nachbarn, sie Grüßen noch freundlich. Haarrr, ihr Narren! Nun weiß ich, der Weg ist frei für die Heimkinoanlage und ihr Bollwerk, den Subwoofer. Ok ok, ruhig Brauner…

Dies besänftigt zumindest meine bisher größte Angst. Nämlich überempfindliche Nachbarn zu haben. Ist auch eigentlich nicht verwunderlich, sollten hier doch alle eher geräuschresisent sein, wenn man schon gegenüber von einer Feuerwache wohnt, die mindestens einmal die Woche zu jeder Stunde lauthals ausrückt.
Und wenn allein schon das ältere rumänische Ehepaar zwei Türen neben uns, mit brachial aufgedrehtem TV-Klang den Klassikern der deutschen Volksmusik lauscht, dann weiß ich das wir hier gut aufgehoben sind.

Das mag jetzt alles vielleicht etwas hart klingeln, vorallem einen Umzug und das beginnende Zusammenleben mit der Freundin mit einem Zweifrontenkrieg zu vergleichen (hat vielleicht auch damit zu tun, dass während ich diese Zeilen schreibe der Soundtrack zu “Rambo 4″ läuft), denn ganz so schlimm ist es nicht.
Und gerade meiner Freundin sollte ich hier ein gutes Wort zusprechen, den ich kann mich glücklich schätzen, zusammen mit ihr, mit nur geringen Kompromissen, ein neues und schönes Heim einzurichten. Ok, ohne “Akte X” und “Vanilla Sky” Poster. Aber das “Miami Vice” Poster darf hängen. Touchè.
Ich darf den Beamer aufhängen, dass Wohnzimmer mit Lautsprechern vollstellen, sie sucht die Gardinen aus. Was will ich mehr.

Trotzdem nagt diese Zeit des Umbruchs aber wehement an den Nerven. Man schraubt, rückt, bohrt, malt, verlegt, putzt, programmiert wie ein Besessener. Und das auch noch während draußen der Sommer dir dreckig ins Gesicht zu lachen scheint.
Man hat einfach das Gefühl nicht voran zu kommen. Auf der Stelle zu treten. Und ist das eine geschafft, kündigt sich das nächste an. Und momentan sieht es hier mehr als ungemütlich aus. Wo ich mir denke, in spätestens einer Woche ist das vorbei, ist meine Freundin mehr als genervt. Soviel zum alltäglichen Zerrspiel. Aber es ist, es wird, eine großartige Zeit werden.

Um abschließend noch von dieser endlosen Kette an neu gewonnen Erfahrungen zu sprechen (ich habe heir ja nur einen Teil angerissen), ein letzter Punkt der mir auffiel.
Den auch in Umzugszeiten gehen die Spuren der Wirtschaftkrise nicht unbemerkt an einem vorbei. Deutschlands liebstes Kind in Sachen Pressspanmöblierung, dass schwedische Einrichtungshaus IKEA, pflegte ja schon immer das “Du-und-Du” mit seinen Kunden.
Das geht nun soweit, dass sich die Macher der Kette gedacht haben, wie toll und supi es wäre, wenn wir den Kunden doch einfach alles selber machen ließen. Na, wie wäre das? Wäre es nicht super, wenn du für ein paar Minuten in die Rolle einer/s Kassierers/in schlüpfen könntest? Scanne deine Waren selbst und bezahle selber mit Karte. Du kannst es auch!
Um kurz auf den Punkt zu kommen, bei IKEA gibt es nun “Selbstbedienungskassen” in denen man, nur zahlbar mit Karte, selber mit einem Scanner seine gekauften Waren abscannt und bezahlt. Keine verpickelten Schüler mehr die sich verzetteln, keine jobenden, genervten Hausfrauen.
Auch IKEA muss wohl sparen und denkt, dass ganze noch mit einer hippen neuen “Du-darfst-es-selber-machen” Strategie zu verbinden. Am Ende sind wieder die Mitarbeiter die Dummen, die ihre Arbeitsstellen verlieren. Und der Kunde, weil ihm wieder ein bißchen mehr Service unterschlagen wird.
Neu ist dieses Konzept beim Billy Regal Riesen allerdings nicht, wurde es doch schon in der Küchenabteilung eingeführt. Hey, plane deine eigene Küche! Wähle selber aus und setzt dich selber vor den Monitor. Sei ein Küchenfachmann/frau, dass macht Spaß!
Aber wenn am Ende bei der Planung vorne und hinten nichts stimmt, mit einem Planungsprogramm, welches diesen Titel zweifelsohne nicht verdient und auch die sogenannten “Berater”, in ihrem knallgelben Hemdchen, keine Plan haben warum an jeder Ecke die Maße nicht stimmen, ja dann verläßt man ganz schnell diesen Laden und geht schnurstrackts zur Konkurrenz! Und ja, wir waren bei ROLLER. Und was soll ich sagen, es war großartig. Wir wurden, man muss es mittlerweile schon so sagen, wie “zur guten alten Zeit” von einer kompetenten Fachkraft beraten und versorgt. So stelle ich mir einen Kücheneinkauf vor und nicht dieser schwedische Micky Maus, “Ich-machs-mir-selber” Scheißdreck.

Was IKEA vielleicht als weitere Freiheit für den Kunden auslegt, ist der Verlust an Service, Kundennähe und an Arbeitsplätzen. So verliert auch der dümmliche, mit Akzent sprechende Sprecher der IKEA TV-Werbung seinen letzten Rest an Unschuld. Die einzige Möglichkeit zum Protest ist der Boykott. Aber woher bekomm ich dann mein Billy Regal?

Ich wünsche euch noch schöne Ostern. Und auf bald, wir treffen uns hier.

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