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Jan’s Kolumne Teil 3: 16 Jahr, langes Haar.
Von Dennis in Medientrends | keine Kommentare
Der gute Jan beschehrt uns auch heute mit einem weiteren “Schwank” aus seiner Jugend.
. Aber Achtung, für Personen in akuter Midlife-Crisis mit Vorsicht zu genießen. Oder eher für die Anderen, die nach dem Sinn des Verlangens nach der “guten alten Zeit” fragen. Viel Spaß nach dem Klick.
16 Jahr langes Haar
Neulich saß ich vor dem Fernseher (über das ich heute auch gar nicht schimpfen will) und sah mir Rick Kavanian an. Ihr wisst schon, der Typ von der Bullyparade mit der Brille. Er hat nun ein Soloprogramm auf die Beine gestellt und versucht sich als Stand-up-Comedian.
Und was soll ich sagen? Ich fand´s echt nicht lustig. Ein paar mal habe ich schmunzeln müssen, dass war es dann aber auch schon.
Da habe ich mir überlegt, über wen von den Comedians ich eigentlich noch lachen kann. Nach kurzer Denke kam ich zu dem Schluss: Über die wenigsten.
Sei es Ingo Appelt (hat mal „Ficken“ gesagt, hihihi), Paul Panzer oder Kurt Krömer (haben einen Sprachfehler, hohoho), Otto (das Lied von Hänsel und Gretel, hehehe), Mario Barth (Männer sind anders als Frauen, hahaha) oder Oliver Pocher (habe nie verstanden, was an dem lustig sein soll)
Über politisches Kabarett kann ich noch lachen. Ich könnte mich über Richling, Priol und Co. echt bepissen.
Doch als ich diesen Gedanken gerade gedacht hatte, überkam mich ein anderer Gedanke, der so schrecklich war, dass ich nicht wagte ihn auszusprechen. Ich rannte ins Schlafzimmer, zog mir die Decke über den Kopf und schrie:“Nein, nein, nein!“ Aber ich konnte meine Augen vor dieser einen Tatsache nicht verschließen: Vielleicht werde ich langsam erwachsen!
Ich atmete durch, mahnte mich selbst zur Ruhe und nahm mir vor, ganz analytisch vorzugehen. Ich schaute mich also erstmal in der Wohnung um. Keine nackten Frauen, keine Heavy-Metal-Poster mehr an der Wand. Indizien sind also vorhanden.
Was noch? Keine Staubschicht auf den Regalen. Und die Regale selber? Sind vom IKEA und nicht mehr aus Backsteinen zusammengebaut. Und mein Kühlschrank? Ist gefüllt mit Lebensmitteln wie Milch, Käse und Gemüse. Die Tätowierungen? Längst verblasst.
Und auf der Gegenseite?
E-Gitarre und Verstärker lehnen noch an der Wand? Check! Das dritte Zimmer der Dreizimmerwohnung zum Fitnesscenter umgebaut? Check! Motorrad in der Garage? Check! Acht Stunden „Spongebob Schwammkopf“ auf Video im Wohnzimmerschrank? Check! Ein Sixpack Bier im Kühlschrank hinter dem Gemüse gefunden? Check! Bereits erkundigt, was ein neues Tattoo kosten wird? Check!
Also ein Unentschieden, wie ich fand. Mit einem Gefühl der Unbeschwertheit und Entspannung, so wie nach dem Stuhlgang, setze ich mich wieder hin und dachte bei den just gefundenen Bieren ein wenig nach.
Wäre es wirklich so schlimm erwachsen zu sein? Oder besser gefragt, warum trauern wir unsere Jugend nach? Weshalb versucht man sich die Jugend zu erhalten? Sei es durch Hautcremes oder durch Beauty-OPs?
Ich dachte über meine eigene Jugend nach.
Bin mit dem Moped herum gefahren, jedes Wochenende ist eine Party gewesen, oder zumindest eine daraus gemacht. Ich hatte noch Haare, die ich kämmen konnte und wann immer man den Fernseher anschaltete, waren Menschen zu sehen, die Helmut Kohl imitierten. Eine schöne Zeit.
Auf der anderen Seite waren da aber die immer schier ab gefrorenen Klöten auf dem Moped im Winter. Da es nur max. 55 km/h lief, brauchte ich immer eine Stunde um auf die Parties zu kommen. Dort lief dann Musik aus den Charts, die ich schon damals nicht ausstehen konnte. Und meine Haare waren nur schwer in Form zu bringen, nachdem der Motorradhelm eine Stunde drauf gesessen hat. Und wann immer man den Fernseher eingeschaltet hat und es waren mal nicht Helmut Kohl-Imitatoren zu sehen, war da Helmut Kohl selber.
So toll war alles also auch nicht. Aber da war was anderes und das ist schwer zu beschreiben. Es war nicht die Sorglosigkeit. Dafür gab es schließlich die Schule. Auch nicht das Gefühl, man könne alles erreichen. Mir war klar, dass ich weder mit Sport noch mit meiner Band Geld verdienen werde.
Vielleicht war es mehr das Abenteuer. Das Leben war noch spannend. Jede Woche hat man etwas neues erlebt. Zum Beispiel der Nervenkitzel, ob man in eine Disco rein gelassen wird. Abends weggehen und noch keine Ahnung wie und ob man nach Hause kommen wird. Das übernachten auf dem Küchentisch bei Freunden, weil der Boden schon voll ist. Die Spannung, wenn man mir einer Flasche Schnaps in der Schlange im Supermarkt stand. Das erste mal auf ein Festival gehen und nicht wissen, ob man ein Duschbad mitnehmen, oder den Platz mit noch einer Dose Bier auffüllen soll. Oder die Beschaffung von filmischem Lehrmaterial über die menschliche Fortpflanzung. Eben all diese Dinge, die man ein erstes mal macht.
Und heute? Ich komm in die Discos rein in die ich will, ich plane schon ganz genau vorher, wie ich nach Hause kommen werde und oft genug trinke ich nichts, weil ich lieber im eigenen Bett schlafen will, als bei Freunden auf der Couch zu pennen. Wie ein Festival abläuft weiß ich auch, so dass ich dort jeden Abend dusche weil ich genügend Platz in meiner Familienkutsche habe, um das Duschbad UND noch eine Dose Bier mitzunehmen.
Und es wird immer schwieriger im Internet zu surfen, ohne auf Seiten von filmischem Lehrmaterial über die menschliche Fortpflanzung zu kommen.
Wohl möglich war es auch die Fähigkeit jeden Anlass zum feiern zu nehmen. Sei es das bestandene Schulhalbjahr, der gewünschte Ausbildungsplatz den man bekommen hat, oder einfach, dass einem im Supermarkt eine Flasche Schnaps verkauft wurde. Ich habe immer Musik gehört. Immer. Beim Essen, auf dem Klo, zum Einschlafen. So hatte ich ein bisschen das Gefühl immer zu feiern.
Aber ich glaube es war hauptsächlich was ganz anderes. Man hatte einfach andere Prioritäten. Die Gedanken drehten sich nicht um die Schule oder die Arbeit. Schule die Zeit, die man tot schlug, bis der Tag anfing. Meine größte Herausforderung war es mich nüchtern zu stellen, wenn ich nachts nach Hause kam und meine Eltern noch wach waren. Und nicht die Suche nach einem Ausbildungsplatz. Wenn man Abends mit seinem besten Freund zusammen saß, sagte man nicht:“Mann, war das heute stressig bei der Arbeit.“ sondern:“Schau, mein Bizeps ist schon gewachsen. Ich trainiere ihn seit zwei Wochen anders.“
Ich musste mir nicht überlegen, ob ich die Samstagnacht durchzechen will. Schließlich hatte ich am Montag morgen keine wichtige Besprechung und konnte den ganzen Sonntag mit einem amtlichen Kater im Bett herumliegen. Das Geld war damals auch schon immer knapp, aber man konnte ja noch die Eltern anpumpen, damit war das Thema erledigt. Und es war nicht wichtig wer in Amerika Präsident war, es war wichtig, ob Gina Wild vor oder nach ihrer Brust-OP besser aussah.
Es war wohl die viel zitierte jugendliche Unbeschwertheit. Die Gedanken drehten sich um die trivialen Dinge des Lebens. Die Ernsthaftigkeit war noch ausschließlich auf die Zeit der Arbeit begrenzt, während der Rest des Tages frei war von den wirklichen Sorgen.
Während ich hier also diese letzten Zeilen schrieb, bemerkte ich, dass ich fast einen ganzen Tag damit verbracht hatte, meine Jugend zu rekapitulieren und „In Flames“ zu hören. Keine Gedanken an Arbeit oder Geld verdienen, an die weltpolitische Lage oder die Wirtschaftskrise. Und den Kater vom Bier am gestrigen Tag, konnte ich auch mal wieder so richtig genießen.
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